Was es heißt, ein guter Mensch zu sein ...

 

Marina Scheske

Die Nacht der Wölfe

Verlag Kleine Schritte - Trier

ISBN 978-3-89968-159-8

www.kleine-schritte.de

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Die Nacht der Wölfe: Wäre Marina Scheskes Veröffentlichung im Verlag Kleine Schritte kein Roman, sondern ein Drehbuch, so wäre der Charakter einer umsichtig eingesetzten Handkamera rasch erkennbar. Die kleinen aber fein verwobenen Plots sind dezent aber gut erkennbar ausgeleuchtet, die Figuren werden nicht ins Spotlight gestellt, sondern sie strahlen mild, unverstellt und echt. Ein wichtiger Roman fürs Verständnis dessen, was man oft vorschnell geeintes Deutschland nennt.

 

Geschildert werden in klarer verstehbarer Sprache eine Handvoll Leute, die einen Speckgürtel bewohnen, auf den jedoch die Metropole nicht wirklich das Licht wirft. Kleine Leute sind es, feine Leute, fern postmoderner Mittelschichtprobleme, mit einem erfrischend direkten Zugang zu dem, was im täglichen Dickicht des Unvollendeten „innerer Kompass“ genannt werden darf.

 

Marina Scheske zeigt einen Ausschnitt Brandenburgs, Berlin umrahmend, nah dorthin und doch tatsächlich ein Planetensystem entfernt. Gleich weit entfernt – obwohl schon Jahrzehnte vergangen sind – ist für die in Heidesand den Alltag meisternden aufrechten und gebeutelten Leute das, was sie immer noch den „Westen“ nennen. Was im Westfernsehen als schicker Fernsehfilm läuft – dreißig Jahre nach der Wende – zeigt das fremde grell-graue Glatte, Gläserne. Was da bei den Karsunkes über den Bildschirm flackert, ist dann sogar eine ganze Galaxis zu weit entfernt, was das Verstehen oder gar den Zusammenhang zum eigenen Erleben angeht.

 

Die Lesenden des Romans erhalten Informationen und vor allem Gefühlsimpulse, die die Zeit von 1980 bis in die Jetztzeit betreffen. Vor allem die Zeit der Jahre nach dem Untergang der DDR bis zu den Erschütterungen des Flüchtlingsstroms werden beleuchtet, die handelnden Figuren mobilisieren Verständnis und haben ja ihren Anstand zur Verfügung – aber viele bleiben doch mit einem Korb voller Fragen zurück.

 

Die Verlässlichkeit der herzlichen Bindung in der Familie und des herzhaften Zoffs in der Kneipe bilden die Bühne, auf der man/frau die Protagonisten des Romans gerne näher kennenlernen kann. Marina Scheske gelingt ein Soziologieprojekt – aber völlig ohne akademische Konstrukte. Besonders deutlich wird dies beim Herausarbeiten von Ähnlichkeiten in Charakter und Verhalten der ehemaligen Bürokraten der sogenannten sozialistischen Einheit und jenen neuen Kräften mit wenig Herzensbildung und noch weniger Toleranzfähigkeit, jener Parteikameraden, die sich für eine Alternative halten, für Deutschland gar.

 

Die Leute mit dem inneren Kompass, insbesondere die Alten kommen damit klar und stellen sich dem nötigen Streit. Im Zentrum der Bühne: Frauen mit ihrem Lebensmut, nimmermüde, mit dem milden Reichtum der Erfahrung (wie das Immer-Wieder-Aufstehen funktioniert) und dem klaren Blick. Sie bilden den Anker des Geschehens, vor allem Oma Karsunke.

 

Die Grenze des Verstehens wird jedoch deutlich erreicht bei jenen, die nicht nur provozieren und die Republik mit schlechter Laune überziehen wollen. Jene, die dem Menschen ein Wolf sein wollen. Die Grenze zum Entsetzlichen wird von den Wölfen überschritten. Die Warmherzigkeit und die Hoffnung können diese Wölfe in Brandenburg zwar erschüttern, nicht jedoch zur Erosion bringen.

 

© Erich Ruhl-Bady 2021